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Doch, sagt Yara Ismail, Schülerin an der Matthias-Claudius-Schule in Bochum und geht der Frage nach, ob die Integration von Geflüchteten in Bochum gelungen ist.
Migration sei die „Mutter aller Probleme“ äußert der Bundesinnenminister Seehofer am 06.09.2018 öffentlich. Woran kann das liegen? Sind die Geflüchteten Schuld an der Misere? Bekommen sie die Gelegenheit, sich in die Aufnahmegesellschaft zu integrieren? Liegt das Problem aufseiten der Aufnahmegesellschaft? Oder ist das Nichtgelingen der Integration wechselseitig bedingt?
Dieser Frage wollte ich in meiner Facharbeit zum Thema Migration und Integration in Bochum auf den Grund gehen und habe dafür eine Befragung entwickelt und ausgewertet.

Fakten und Zahlen zum Thema Migration
Von Juli 2015 bis Ende Juli 2018 wurden mehr als 1,3 Millionen Asylanträge beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF)registriert. Allerdings hat sich seit der Schließung der Balkenroute die Anzahl der ankommenden Asylsuchenden drastisch verringert. Mittlerweile kommen so viele Asylsuchende nach Deutschland wie vor der „Krise“, in etwa 13.000 im Jahr.
Laut Bevölkerungsstatistik für 2017 leben 371.582 Einwohner/innen in Bochum, 21.5% besitzen einen Migrationshintergrund. Dabei stellt sich die Frage, welche Maßnahmen für die Integration dieser Einwohner ergriffen wurden, vor allem nach dem so genannten „Flüchtlingsstrom“ zwischen 2015 und 2016, als sich die Anzahl der Migranten deutlich erhöht hat. Da es für Menschen mit Migrationshintergrund eine Vielzahl von Problemen und Hürden zu bewältigen gibt, wurde 2016 das Integrationsbüro der Stadt damit beauftragt ein Integrationskonzept zu erstellen, um den Neubürgern die gesellschaftliche Teilhabe und die Integration in die Gesellschaft zu erleichtern. Auch das Projekt KompAS der Jobcenter soll Migranten dabei helfen in den Arbeitsmarkt einzutreten.

Darüber hinaus unterstützten in Bochum 19 Organisationen, 18 Netzwerke, 2 Sportvereine und eine studentische Vereinigung die Migranten in Bochum, u.a. die IFAK und die Caritas. Sie unterstützen die Flüchtlinge in diversen Bereichen, von Angeboten für Sprachkurse über Sprachcafés bis zur Umzugshilfe. Viele der Angebote zielen darauf ab, Begegnung von Einwohnern und Migranten zu ermöglichen und so gegenseitige Ängste und abzubauen und den innerethnischen bzw. interethnischen Austausch zu verstärken.

Ist die Integration in Bochum gelungen?
Anhand meiner Umfrage in Bochum von 30 Personen mit und ohne Migrationshintergrund, lässt sich zeigen, dass ungefähr 36% der befragten Bochumer behaupten, dass die Integration nicht bzw. kaum gelungen sei.
In diese Gruppe fielen 33% der befragten Einheimischen, und 67% Migrierte.
45% der aus dieser Gruppe befragten Migrierten sind trotz einer Berufsausbildung arbeitslos. Sie haben die deutsche Sprache von gut bis sehr gut (Sprachniveau A2 bis B2) erworben. Viele jedoch sowohl Einheimische als auch Migrierten (36% dieser Befragten) gaben an, keine deutschsprachigen Freunde oder Bekannte und auch sonst keinen Kontakt zu anders Muttersprachlern zu haben. Dadurch fehlt ihnen die Möglichkeit zur regelmäßigen Anwendung der deutschen Sprache
Zusätzlich kennen die meisten Migrierten aus dieser Gruppe eines oder keines der ehrenamtlichen Angebote, wie z.B. Sprachcafés, die die Integration ergänzen. Zweitens besuchen sie nach eigenen Angaben Deutschkurse, die theoretisch orientiert sind und für den alltäglichen Sprachgebrauch nur bedingt hilfreich sind.

Die meisten dieser Befragten haben ähnliche Argumente für das Nichtgelingen der Integration vorgebracht.
Ein oft genanntes Argument aus Perspektive der Migrierten war, dass der Spracherwerb eine sehr harte Barriere im Wege der Integration darstelle und diese ihrer Meinung nach noch nicht ausreichend abgebaut sei. Zusätzlich bestätigen sie, dass sich die Aufnahmegesellschaft distanziere. „Die Deutsche haben Angst vor uns, wir fühlen uns nicht willkommen“, äußerten viele der migrierten Befragten. Bemerkenswert war, dass für einige der Migrierten die Familienzusammenführung ein bedeutendes Hindernis für die Integration in Bochum darstellt: „Wenn meine Kinder nicht bei mir sind, kann ich weder Deutsch lernen noch in Ruhe leben“.
Die Befragung der Einheimischen macht deutlich, dass auch aus deutscher Perspektive der Spracherwerb eine Hürde auf dem Weg zur Integration darstelle, allerdings liege das auch daran, dass Migrierte die angebotenen Deutschkurse nicht regelmäßig besuchen würden. Dazu kritisierten sie, dass diese Kurse nicht erfolgreich seien, da sie sich auf ein theoretisches Erlernen der Sprache fokussieren und Deutsch, das für den Alltag nützlich ist, vernachlässigen würden.
Für das Misslingen der sozialen Integration in dieser Gruppe kann auch hier eine Ursache festgestellt werden. Die meisten Befragten dieser Gruppe sowohl Migrierten als auch Einheimische informieren sich nicht bzw. kaum über die Kultur der Anderen, und suchten auch keinen Kontakt. Das bestätigt, dass die kulturelle Integration ohne soziale Integration nicht erfolgen kann.

Die übrigen Befragten (64%) sind dagegen der Ansicht, dass die Integration gelungen bzw. eher gelungen sei. Darunter hatten 63% innerhalb dieser Gruppe einen Migrationshintergrund und 37% gehörten zur einheimischen Bevölkerung. Die große Mehrheit davon fühlt sich in Bochum wohl.
Auffällig ist, dass diese Gruppe im Durchschnitt deutlich jünger ist als die oben genannte Gruppe. Ungefähr 95% dieser Befragten besitzen einen Schul- oder Hochschulabschluss. Abgesehen von Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden besitzen die meisten Befragten, sowohl der Migrierten als auch der Einheimischen, einen Beruf. Dabei haben mehr als 40% dieser Migrierten auch eine Arbeit. Alle der Befragten haben Kontakt bzw. eher Kontakt mit Menschen mit einer anderen Muttersprache. Die migrierten Befragten können gut bis sehr gut Deutsch. 50% haben die deutsche Sprache ohne gesonderte Deutschkurse erworben, meist durch den Besuch einer allgemeinbildenden Schule sowie den Kontakt zu Deutschen. Außerdem kennen durchschnittlich mehr als drei Angebote zur Unterstützung Geflüchteter, am häufigsten genannt wurden: IFAK, die VHS und die Caritas
Diese Gruppe bringt eine Vielzahl an Argumenten zu einer gelungenen Integration in Bochum vor. Eine häufige Nennung war das Gelingen der gegenseitige Kontaktaufbau durch Bekanntschaften und Freundschaften. Auch die Teilnahme der Migrierten am Arbeitsmarkt sei erfolgreich. Ein überraschendes Beispiel für das Gelingen von Integration war, dass einige Befragte über interkulturelle Ehen berichteten, was die kulturellen Differenzen verringere.
Allerdings sieht diese Gruppe auch mögliche Hürden im Wege der Integration. Die meisten aus dieser Gruppe argwöhnen, dass es Diskriminierung gegenüber Geflüchteten gebe. Außerdem finden sie, dass kulturelle Differenzen bestimmte Teile der Bevölkerung ausgrenzen. Auch der Spracherwerb der immigrierten Bevölkerungsteile erscheint vielen verbesserungswürdig. Zusätzlich fehle eine Koordination zwischen den Hilfsorganisationen, die Integrationsangebote machen.
Dabei ähneln die Ansichten der Migrierten denen der Einheimischen. Dem Ermessen der Migrierten zufolge gibt es keine Gleichberechtigung, sondern Diskriminierung gegenüber Geflüchteten und anderen migrierten Bevölkerungsgruppen, besonders gegenüber Frauen, die durch das Tragen von Kopftüchern in der Öffentlichkeit auffallen.

Schlussfolgerung
Zwei Verhaltensformen behindern insbesondere eine echte Integration:
Einerseits nutzten die zur Migrantengruppe gehörenden Befragten Integrationsangebote der Bochumer Hilfsorganisationen, die auf einen kulturellen Austausch abzielen, noch wenig.
Andererseits scheint sich in der einheimischen Gesamtbevölkerung kein wirkliches Bewusstsein darüber entwickelt zu haben, dass Integration beiderseitiges Engagement und Toleranz benötigt. Integration wird oft noch immer als einseitig auf Seiten der Migrierten liegende Verantwortung betrachtet.  Das zeigt mir auch die geringe Bereitschaft der einheimischen Bochumer sich auf eine Befragung einzulassen, so dass diese Gruppe im Gegensatz zu der migrierten Bevölkerung in Bochum viel kleiner ist.

Aus dieser Auswertung resultiert, dass nicht nur die Migrierten Verantwortung für das Nichtgelingen der Integration haben, sondern dass auch die Aufnahmegesellschaft eine Mitverantwortung am Gelingen der Integration trägt.

Das Integrationsmodell nach Heckmann, ein Soziologe, sagt aus, dass Integration nur durch ein wechselseitiges Verhältnis zwischen Migrierten und Aufnahmegesellschaft gelingen kann. Dafür scheinen vier Aspekte besonders wichtig: die Teilhabe am Arbeitsmarkt, die Familienzusammenführung, alltagstaugliche Deutschkurse und ein wechselseitiges Zugehen und die Zusammenarbeit zwischen der migrierten Minderheit und der Mehrheitsgesellschaft.
Eine von einem Klima gegenseitiger Offenheit geprägte Integration kann beweisen, dass aus der sog. „Mutter aller Probleme“ die Mutter aller Lösungen entstehen kann. Hoffnung macht, dass die überwältigende Mehrheit der Befragten Migration eben nicht für die „Mutter aller Probleme“ hält und den vielfach diskutierten Kommentar Seehofers als das erkannt hat, was er ist: Gefährlicher Populismus.

Yara Ismail ist 18 Jahre alt und besucht die 12. Klasse der Matthias-Claudius-Schule in Bochum-Weitmar. 2016 kam mit ihrer Mutter und vier Geschwistern als Geflüchtete nach Deutschland und war zunächst in der damaligen Geflüchtetenunterkunft im Ostholz untergebracht. Seit 2017 ist sie START-Stipendiatin. Das START-Stipendium mit Sitz in Frankfurt a. M. fördert ausgewählte Jugendliche mit Migrationserfahrungen die Gesellschaft aktiv mitgestalten wollen, hohe soziale Kompetenzen, Neugierde und Offenheit mitbringen und über ihre eigene Entwicklung reflektieren.  Die Stipendiaten erhalten neben der finanziellen Unterstützung ein 3-jähriges Bildungsprogramm.